Robert Oboussier (1900–1957) zählt zu den prägenden Figuren der Schweizer Musikgeschichte – als Komponist, Kritiker und Vizedirektor der SUISA. Nach seinem gewaltsamen Tod und dem Skandal um seine Homosexualität gerieten Werk und Name lange in Vergessenheit. Das aktuelle Projekt von Ramon Bischoff holt Oboussier ins Rampenlicht zurück.

1957 wurde Oboussier im Zürcher Männermileu ermordet. Weil er schwul war und der Fall öffentlich für Skandale sorgte, gerieten sein Werk und sein Name jahrzehntelang in Vergessenheit, geplante Aufführungen wurden abgesetzt, zur Veröffentlichung vorgesehene Partituren wurden nicht verlegt.
Heute liegt der Nachlass Oboussiers bei der Fondation Suisa, die sowohl als Rechteinhaberin als auch als Fördererin des schweizerischen und liechtensteinischen musikalischen Repertoires daran interessiert ist, dass Schweizer Komponisten wie er nicht von der Bildfläche verschwinden.
Daran ist auch der Berner Komponist, Sound Artist und Labelbetreiber Ramon Bischoff interessiert: In einem aktuellen Projekt widmet er sich dem Werk Oboussiers und macht dieses in Buch- und Konzertform wieder zugänglich.
Im folgenden Gespräch tauschen sich Urs Schnell (Direktor Fondation Suisa) und Ramon Bischoff über die Entdeckung und Wiederbelebung Oboussiers aus – über die Rolle der Stiftung, die Herausforderungen bei nachgelassenen Werken und was es heute braucht, um vergessene Schweizer Musik zu vermitteln und tatsächlich wieder auf die Bühne zu bringen.
Urs Schnell: Ramon, wie bist du darauf gekommen, dich gerade mit Oboussier zu beschäftigen?
Ramon Bischoff: Ursprünglich war’s Neugier. Ich habe fürs Schweizer Zupfmusikfestival ein Stück komponiert. Dadurch bin ich auf ein Werk von Oboussier gestossen – kaum jemand kannte die Musik. Ich habe dann angefangen, alles über ihn zu sammeln: Noten, Aufnahmen, Pressematerial, auch in Archiven und auf Plattformen wie Discogs. Der Zugang war oft schwierig, das meiste lag brach. Je mehr ich fand, desto überzeugter wurde ich von der musikalischen Qualität. Da war klar: Das Thema ist grösser, als ich dachte.
Urs Schnell: Das kennen wir als Stiftung. Wir bekommen diverse Musik-Nachlässe, aber oft schlummern sie ungenutzt. Wir sind Rechteinhaber von Oboussier, aber allein können wir die Wiederbelebung nicht anstossen – da braucht es engagierte Leute wie dich. Was war der erste konkrete Schritt, um das Projekt umzusetzen?
Ramon Bischoff: Ohne Förderung geht da nichts. Die Fondation Suisa hat 12’000 Franken zugesagt, dazu kamen private Mittel und weitere Stiftungen. Das hat den Ball ins Rollen gebracht. Ich habe ein Netzwerk aufgebaut und angefangen, Musiker:innen, ein Rechercheteam und Medien für das Thema zu gewinnen.
Urs Schnell: Schweizer Musik hat oft einen schweren Stand. Wieso geraten Komponisten wie Oboussier, Olga Diener oder Lauber in Vergessenheit?
Ramon Bischoff: Viel hat mit Strukturen und Vorurteilen zu tun. Bei Oboussier kam nach dem Mord sein Privatleben ans Licht, die Medien skandalisierten alles. Fast über Nacht wurde sein Werk „gecancelt“, Aufführungen gestrichen, die Musik lag im Archiv. Ähnlich erging es Olga Diener, eine starke Komponistin, aber als Frau von der Welt der Neuen Musik in der Schweiz ausgeschlossen. Das zieht sich durch die Schweizer Musikgeschichte.
Urs Schnell: Wie ist die Resonanz heute – zum Beispiel bei Publikum und Medien?
Ramon Bischoff: Überraschend gross. Bei den Konzerten, die wir organisiert haben, waren Menschen teils wegen des Kriminalfalls da, andere suchten musikalische Überraschungen. Die Rückmeldungen waren vielfältig, auch die Presse hat breit berichtet. Das Buch und die CD bringen Oboussier zurück ins Gespräch; die Musik läuft auf Streaming-Plattformen, und wir haben sechs Jubiläumsfeiern organisiert – weitere sind möglich.
Urs Schnell: Für uns als Fondation ist klar: Wir können den Start ermöglichen – Geld, Zugang zu Rechten, Vermittlung. Aber letztlich muss das Publikum selbst zeigen, dass es diese Werke hören will. Die Musik soll nicht nur archiviert werden, sondern gespielt.
Ramon Bischoff: Stimmt. Die eigentliche Vermittlung kommt durch Engagement, Neugier und gesellschaftlichen Wandel. Im Falle Oboussiers ist die Offenheit heute offensichtlich grösser als in den vergangenen Jahrzehnten: Vergessene Musik kann Dialoge anstossen – auch über Themen wie Gleichstellung und Historisierung. Und die Musik selbst hat die Kraft, in jedem Konzert erneut „neu“ zu sein.
Urs Schnell: Die internationalen Chancen sind auch da. Wenn so ein Projekt mal Schwung bekommt, stecken Möglichkeiten für Nachfolgeprojekte drin – vielleicht wird Oboussier sogar zum Beispiel für Schweizer Kulturförderung. Am Ende sind solche Schneeballeffekte das Beste, was passieren kann.
Ramon Bischoff: Das hoffe ich auch. Mir ist wichtig, dass andere Musiker:innen und Veranstalter merken: Schweizer Musik hat viel zu bieten, man muss es nur ab und zu ausgraben und wieder aufführen. Die Arbeit lohnt sich, und die Resonanz zeigt, wie gross das Interesse ist, wenn man es wagt.