Während achtzehn Jahren durfte ich die Geschäftsstelle der FONDATION SUISA leiten. Nun gehe ich Ende September 2026 in Pension. Ein Abschied lädt stets auch zu Rückblicken ein: auf Programme, Projekte, Begegnungen und Erfolge – aber auch auf Fragen, die offenbleiben. Für mich ist es insbesondere diese:
Wie muss Musik- und Kulturförderung aufgestellt sein in einer Welt, deren Rahmenbedingungen sich ständig verändern und in der jede Entscheidung Nebenwirkungen hat, die nur schwer vorauszusehen sind?
Als Förderstiftung stehen wir nicht ausserhalb der Kultur, die wir unterstützen. Wir sind denselben gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen ausgesetzt wie die Destinatärinnen und Destinatäre – und wirken mit unseren Entscheidungen umgekehrt auf diese Entwicklungen ein.
Als ich 2008 bei der FONDATION SUISA begann, war die Förderlandschaft anders organisiert als heute. Die Transformation seither ist indes nicht an einzelnen, klar datierbaren Disruptionen feststellbar, sondern wurde durch viele kleine, fliessende Veränderungen erst möglich: unterschiedliche Lebens- und Erwerbsmodelle wurden selbstverständlicher, Diversität erhielt mehr Aufmerksamkeit, der Kulturbereich professionalisierte sich, technologische Entwicklungen ermöglichen neue Kreations-, Produktions- und Diffusionsformen. Menschen, die für Musik und Kultur arbeiten, verfügen heute häufiger über eine spezifische Ausbildung und ein professionell ausgeprägtes Bewusstsein für die wirtschaftlichen Voraussetzungen des künstlerischen Arbeitens.
Auch das Selbstverständnis von Förderinstitutionen hat sich verändert: Aus dem klassischen Mäzenatentum nach dem Motto «Gutes tun» ist vielerorts eine partnerschaftliche Philanthropie geworden, die sich ihrer Wirkung – und möglichen Nebenwirkungen – bewusster ist.
Raum für Entwicklung
Eine konkrete Folge dieses veränderten Förderverständnisses war «Get Going!». Seit 2018 fördert das Programm nicht klar definierte Endprodukte oder pfannenfertige «Projekte» sondern schafft Zeit und Raum für künstlerische Entwicklung: Recherche, Neuorientierung, Experimente und offene Prozesse. Denn nicht alles Entscheidende lässt sich im Voraus planen, budgetieren oder an einem Resultat messen. Entwicklung braucht Vertrauen, Freiraum und die Möglichkeit, etwas zu verwerfen. «Get Going!» nimmt dieses Risiko bewusst in Kauf und ermöglicht damit Wege, die in einer klassischen Projektförderung oft keinen Platz hätten.
Dass andere Institutionen Teile des Modells übernommen haben, freut mich besonders. Es zeigt: Förderung kann nicht nur Ergebnisse finanzieren, sondern auch Entwicklung ermöglichen und Kristallisationspunkte schaffen.
Förderung mit Folgen
Die Förderung offener Prozesse ist jedoch nur eine Seite der Verantwortung. Ebenso wichtig ist die Frage, welche Bedingungen Förderinstrumente insgesamt schaffen – und welche Folgen sie unbeabsichtigt haben können.
Gute Musikförderung muss stets auf zwei Ebenen Verantwortung übernehmen. Sie schafft erstens Bedingungen, unter denen Musik entstehen, sich entwickeln und auch Umwege gehen kann. Das bedeutet nicht gönnerhafte Hilfe, sondern Handlungsspielräume auf Augenhöhe. Zweitens muss sie die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen ihrer eigenen Instrumente im Blick behalten. Niederschwellige Förderangebote können ermöglichen und stabilisieren; sie können aber, genau wegen einfacher Verfügbarkeit, auch Abhängigkeiten verstärken, wenn sie keine tragfähigen Perspektiven eröffnen.
Dazu gehört auch ein kritischer Blick auf die wachsende Logik der Aufmerksamkeit. Nicht jede relevante künstlerische Arbeit lässt sich sofort sichtbar, fotogen oder in einem kurzen Pitch vermarkten. Förderinstitutionen sollten deshalb nicht vor allem das belohnen, was sich am besten erzählen lässt. Kunst findet nicht im luftleeren Raum statt – und auch Kulturförderung darf das nicht vergessen.
Koordination und Klarheit
Diese Verantwortung kann keine einzelne Institution allein tragen. Die Pandemie hat nicht nur gezeigt, wie anfällig die bestehenden Finanzierungsstrukturen sind, sondern auch, wie wichtig das Zusammenspiel der verschiedenen Akteurinnen und Akteure ist. Nach dem Ende der unmittelbaren Notlage kehrten viele jedoch (zu) rasch zu den bekannten Routinen zurück, grundlegende Erkenntnisse konnten nicht umgesetzt werden. Im Gegenteil, die Ansprüche und Erwartungen an die Kulturförderung nahmen quantitativ zu, die „Produktionszyklen“ beschleunigten sich – nicht immer nur zum Besseren …
Für die Zukunft wünsche ich mir eine stärkere Koordination zwischen öffentlicher Hand, privatwirtschaftlichem Sponsoring und gemeinnützigen Stiftungen. Sie müssen nicht dasselbe fördern – im Gegenteil. Ihre unterschiedlichen Logiken und Aufgaben können eine Stärke sein. Entscheidend ist, dass sie sich besser ergänzen, statt sich zu überschneiden oder Lücken entstehen zu lassen.
Auch die FONDATION SUISA wird ihre Prioritäten weiter schärfen und fokussieren müssen. Ihre Offenheit für alle Genres und Stilrichtungen war immer eine grosse Stärke. Angesichts wachsender Gesuchszahlen und sehr unterschiedlicher Erwartungen wird es aber wichtiger, klar zu benennen, wo die Stiftung einen besonderen Beitrag leisten kann. Wirkung entsteht nicht allein dadurch, dass möglichst viel unterstützt wird, sondern auch dadurch, dass eine Institution ihre Rolle kennt und Entscheidungen trifft.
Menschen, Musik, Miteinander
Nach 18 Jahren bleiben vor allem Menschen in Erinnerung: das Team, der Stiftungsrat, Musikschaffende aller Genres, Projektverantwortliche und viele andere, die für ihre Sache brennen. Einzelne Begegnungen herauszugreifen, würde dieser Vielfalt nicht gerecht. Entscheidend war für mich immer die gemeinsame Arbeit: der Austausch, die Reibung, die Leidenschaft und der Wille, Musik nicht nur als Produkt, sondern als lebendigen Teil unserer Gesellschaft ernst zu nehmen.
Die Frage, wie Musikförderung künstlerische Freiheit ermöglichen, wirtschaftliche Realitäten ernst nehmen und sich in einer sich verändernden Gesellschaft immer wieder neu orientieren kann, wird auch nach meinem Abschied offenbleiben. Denn eine Förderinstitution, die keine Fragen mehr an sich selbst stellt, wird ihrer Aufgabe kaum gerecht.
Ein neuer Rhythmus
Ich selber werde nun etwas «kleinere Brötchen backen»: Als Stiftungsrat der Musikschule Biel und Mitglied der Städtischen Kulturkommission werde ich mich wieder verstärkt dem spannenden Kulturleben «meiner» Stadt widmen können. Ansonsten halte ich mich an die Eröffnungszeile von Joe Dassins «Les-Champs-Élysées»: «Je m’baladais sur l’avenue, le cœur ouvert à l’inconnu …»