Heute werden praktisch keine physischen Tonträger mehr gekauft, sondern Abos gelöst – das ist längst Alltag. Die meisten wissen, dass Streamingplattformen wie Spotify und Co. die Art und Weise, wie Musik gemacht, verbreitet und gehört wird, verändert haben. Wie weitreichend diese Entwicklung tatsächlich ist, bleibt jedoch oft im Verborgenen – dabei wäre jetzt Zeit, sich kritisch damit auseinanderzusetzen. Und genau dies möchte ich im Folgenden tun.
Eins vorneweg: Die Digitalisierung des Musikbusiness hat lange vor dem Aufkommen der Streamingplattformen begonnen. Bereits die Einführung der CD in den 1980er Jahren läutete streng genommen die digitale Ära ein, gefolgt von MP3 und Internet-Tauschbörsen wie Napster, welche das digitale Teilen von Musik auf einem Massenmarkt ermöglichten und normalisierten.
Statt innovativ zu reagieren, setzten die grossen Musiklabels damals fast ausschließlich auf juristische Gegenwehr. Die Folge war eine jahrelange Krise mit massiven Umsatzverlusten und einer Machtverschiebung hin zu neuen digitalen Plattformen.
Nun ist es leider so, dass eine zu grosse Akkumulation von Macht selten zu guten Resultaten führt. Und so erstaunt es nicht, dass in jüngster Zeit der Ruf eben dieser digitalen Plattformen mehr und mehr in Schieflage geraten ist, insbesondere derjenige des schwedischen Streamingriesen Spotify.
Spotify hat mit seinen Algorithmen nicht nur den Musikmarkt, sondern auch gewisse Genres der Musik an sich massiv verändert – und zwar nicht zum Positiven. Tracks, die populären Genres wie Trap, Reggaeton, Pop, Indierock etc. angehören, werden kürzer, Intros und Experimente verschwinden, der Refrain kommt möglichst schnell – alles, um im Algorithmus besser zu performen. Die Folge: Diese Genres performen auf Spotify besonders gut, andere gehen unter im Lärm, musikalische Vielfalt und Nischenkultur geraten zunehmend ins Hintertreffen. Das einstige Versprechen von Spotify, Musik demokratischer zu machen, hat sich ins Gegenteil verkehrt. Und zwar nicht nur in kreativer Hinsicht, sondern auch in Sachen Geld.
Die Profiteure des schwedischen Streaming-Markführers sind nämlich ganz klar Aktionär*innen und Major Labels. Für die eigentlichen Produzent*innen – die Musiker*innen – bleibt nur ein Bruchteil der Einnahmen. Ein Stream auf Spotify bringt im Schnitt zwischen 0.003 und 0.005 US-Dollar ein, mit einer Million Streams lassen sich also rund 3’000 bis 5’000 Dollar «verdienen» – brutto! Nach den Anteilen, die davon noch an Labels, Management und andere Rechteinhaberinnen abgehen, bleibt quasi nichts.
Parallel dazu steigen die Preise für Abos, neue Super-Abos werden eingeführt und Kooperationen mit anderen Streamingdiensten wie Netflix stehen im Raum – für Nutzerinnen bedeutet das: mehr bezahlen, weniger Kontrolle (Bluewin).
Das gilt übrigens auch punkto Datenschutz: Spotify sammelt umfangreiche Daten über das Nutzer*innenverhalten und nutzt diese für personalisierte Werbung oder gibt sie weiter (SRF Impact). Das tun andere Musikstreamingplattformen zwar auch, allerdings gilt Spotify unter den großen Streaming-Anbietern als einer der Dienste mit der stärksten Datensammlung für Werbezwecke. noch «schlimmer» in dieser Disziplin ist einzig Googles YouTube Music.
Zunehmend wird Musik auf Spotify auch von Künstlicher Intelligenz produziert und promotet. Hinter «Bands» wie The Velvet Sundown stecken keine echten Musiker*innen, sondern Algorithmen, die mit Bot-Hilfe echte Hörerzahlen simulieren. Spotify hat bisher keine klaren Regeln zum Umgang mit KI-Musik, das Vertrauen in die Plattform sinkt und künstlerische Kreativität bleibt auf der Strecke.
Hinzu kommt der ökologische Fußabdruck: Das ständige Streamen verursacht erhebliche CO₂-Emissionen – deutlich mehr als der Besitz einer CD oder das einmalige Herunterladen eines Albums.
Und das «Beste» kommt zum Schluss: Spotify-Gründer Daniel Ek investiert hunderte Millionen Dollar in das Rüstungsunternehmen «Helsing», das an KI-gesteuerten Waffensystemen arbeitet, Überwachungstechnologie entwickelt und laut Medienberichten sogar politische Kampagnen wie jene von Donald Trump unterstützt.
Eigentlich ist der Fall klar: Wir alle – sowohl Künstler*innen als auch Abonnent*innen – täten gut daran, Spotify so schnell wie möglich den Rücken zu kehren. Dennoch bleibt Spotify für viele Nutzer*innen und Musikschaffende trotz aller Kritik ein zentraler Zugangspunkt zur Musikwelt. Ausschlaggebend dafür sind riesige Musikkatalog, die individuellen Empfehlungen, die Vernetzung mit Freund*innen und die weltweite Reichweite. Für Künstler*innen ist die Möglichkeit, internationale Hörer*innen direkt zu erreichen und Einblicke in das eigene Publikum zu gewinnen, ein schlagkräftiges Argument. Trotz offener Fragen beim Datenschutz und der Vergütung überwiegen Komfort und Sichtbarkeit im alltäglichen Musikleben. Auch wir bei der Fondation Suisa haben den Exit noch nicht ganz geschafft.
Vielleicht dient dieser Text ultimativ genau diesem Zweck: Einer individuellen, vertiefteren Auseinandersetzung mit der Thematik sowie der damit einhergehenden Recherche von Alternativen zu Spotify. Denn davon gibt es Einige.
Apple Music und YouTube Music bieten zwar Komfort und grosse Kataloge, unterscheiden sich bei Vergütung, Datenschutz und Transparenz aber kaum von Spotify.
Tidal aus Norwegen und Qobuz aus Frankreich setzen auf hochwertige Audioqualität und bessere Vergütung, sind allerdings etwas «nerdy» und sprechen vor allem Afficionados und Afficionadas an.
SoundCloud – gegründet 2007 in Berlin – bietet grosse Vielfalt und Offenheit für neue Musik, allerdings sind sowohl die Verdienstmöglichkeiten für Künstler*innen als auch die Qualität der hochgeladenen Tracks sehr unterschiedlich.
Das britische Resonate verfolgt ein interessantes „Stream2Own“-Modell: Wer einen Song mehrfach hört, erwirbt ihn nach und nach dauerhaft. Die genossenschaftlich organisierte Plattform operiert äusserst fair, verfügt allerdings nur über einen kleinen Katalog und ist noch recht unbekannt.
Bandcamp wiederum ermöglicht eine direkte und faire Unterstützung der Künstler*innen, setzt vor allem auf Kauf und Download und ist besonders im Indie-Bereich beliebt. Die Plattform wurde 2007 in Kalifornien gegründet und gilt als ökonomisch unabhängig.
Klar: Jede dieser Alternativen hat nebst Vorteilen auch ihre Mängel. Wenn wir aber Werte wie auf Vielfalt, Fairness und musikalische Qualität legen und mit unserer Liebe zu Musik keine Kriege und Rüstungsindustrien quersubventionieren wollen, müssen wir uns diese Gedanken machen und Konsequenzen daraus ziehen.
Selbstverständlich gibt es weiterhin auch ausserhalb der digitalen Plattformen ein interessantes und intensives Musikschaffen und -Leben. Die Herausforderung für uns als Förderstiftung wird es sein, zusätzliche Antennen und Fördergefässe zu entwickeln, welche beiden Welten gerecht werden. Wir dürfen uns den Entwicklungen nicht verschliessen, müssen aber kritisch bleiben. Und wir haben eine Verantwortung gegenüber den Musikschaffenden, diese Kritikpunkte zu erkennen, zu benennen und allenfalls pointiert Stellung zu beziehen.